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Verleihung des „Roman-Herzog-Medienpreises 2013“ an Ulrich Teusch am 9. Dezember 2013

Laudatio

Dirk Kurbjuweit

Es beginnt mit Uwe Barschel, klar, das muss sein. Barschel, damals Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, verbrämte eine Lüge mit einem Ehrenwort. Es ist der wohl krasseste Fall einer Täuschung in der bundesdeutschen Politik. Und Ulrich Teusch beginnt sein Radio Feature „Nicht schwindelfrei. Über Lügen in der Politik“ mit diesem falschen Ehrenwort. Dann folgen weitere Beispiele:

Norbert Blüm sagt: Die Rente ist sicher.

Walter Ulbricht sagt: Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen.

Richard Nixon lügt in der Watergate Affäre.

George W. Bush lügt sich in den Irak-Krieg hinein.

Adolf Hitler verkündete, dass polnische Soldaten Deutschland angegriffen hätten. Nun werde, sagte er, „zurückgeschossen“.

Andrea Ypsilanti wollte uns weismachen, dass sie keine Koalition mit den Linken anstrebt.

Ich hörte das alles und dachte: Okay, es ist schlimm, ganz schlimm, fürchterlich schlimm, und das wird mir dieses Feature erzählen. Aber ich weiß das schon. Jeder weiß das. Politiker sind schlimm. Darauf können wir uns ja immer einigen.

Aber nicht mit Ulrich Teusch. Der sieht das gar nicht so, nicht so platt, bei weitem nicht. Der erzählt uns die Geschichte der politischen Lügen sehr differenziert, sehr klug, sehr preisverdächtig.

Ich könnte jetzt sagen, dass die Jury eine hochinteressante Sitzung hatte. Dass wir stundenlang debattiert und mehrmals abgestimmt haben, um einen Sieger zu finden. Dass es viele hochkarätige Beiträge zu diesem Thema gab. Aber das wäre gelogen. In Wahrheit waren wir uns nach zehn Minuten einige. Es gab einen Beitrag, der absolut herausragend war, der uns alle überzeugt hat, und das war das Feature von Ulrich Teusch.

Er montiert die Lügen-O-Töne mit den Gedanken, die sich Hans Eichel, Edzard Reuter, Franz Walter, Claus Offe und er selbst zu diesem Thema gemacht haben, und das ist spannend, das ist bereichernd, das macht nachdenklich. Herzlichen Glückwunsch zu diesem wunderbaren Radiobeitrag.

Ulrich Teusch, Professor, Doktor Ulrich Teusch, ist Publizist und Wissenschaftler. Er lehrt Politik an der Universität Trier, er schreibt für Zeitungen und arbeitet für den Rundfunk. Das Feature, das wir hier auszeichnen, wurde von SWR2 ausgestrahlt. Teusch hat einige Bücher veröffentlicht, darunter „Die Katastrophengesellschaft. Warum wir aus Schaden nicht klug werden“. Aber mit Ulrich Teusch, da werden wir klüger.

Die politische Lüge, die mich am meisten beschäftigt, ist die Emser Depesche. Wilhelm, König von Preußen, war 1870 zur Kur in Bad Ems, wo er vom französischen Gesandten Graf Benedetti angesprochen wurde. Es ging um die Thronfolge in Spanien. Ein Begleiter Wilhelms unterrichtete den preußischen Kanzler Otto von Bismarck mit einem Telegramm über dieses Gespräch. Bismarck, unser großer Bismarck, hat dieses Telegramm gekürzt, zugespitzt, verfälscht und dann veröffentlicht. Frankreich war brüskiert und erklärte Preußen den Krieg.

Wir wissen, wie das ausging. Die Preußen und ihre Verbündeten siegten und damit war der Weg frei für die deutsche Einheit, für die Reichsgründung. Ein deutscher Traum wurde erfüllt, aber wir wissen, wie unglücklich die Geschichte dieses Reiches war: Erster Weltkrieg, Hitler, Zweiter Weltkrieg, Holocaust. Wenn wir es sehr zuspitzen, nach dem Vorbild Bismarcks, könnten wir sagen, dass diese Katastrophengeschichte mit einer Lüge begann, mit der frisierten Emser Depesche. Viele Kriege beginnen mit Lügen, Bushs Feldzug gegen den Irak, Hitlers Überfall auf Polen.

Aber Ulrich Teusch weist uns darauf hin, dass der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt einmal etwas Ähnliches gemacht hat wie Bismarck. Als sich, noch vor dem Kriegseintritt der USA, ein deutsches U-Boot und ein amerikanisches Schiff bekämpft hatten, spitzte er dieses Ereignis zu, um die skeptischen Amerikaner von der Notwendigkeit eines Krieges gegen Deutschland zu überzeugen. Die USA zogen schließlich in den Kampf, und nur so konnte Hitler besiegt und halb Europa befreit werden.

Es ist also kompliziert mit den Lügen. Die Welt wäre besser, hätte es eine Menge Lügen nicht gegeben. Die Welt wäre aber auch schlechter. Mag sich jemand ausdenken, wie wir heute leben würden, hätte Hitler den Krieg gewonnen? Vielleicht hätte Roosevelt die Amerikaner auch ohne diese Zuspitzung für ihre Opfer gewinnen können. Das wäre natürlich das Ideal: Niemand lügt, und die richtigen Dinge passieren. Aber so ist es eben manchmal nicht, leider. Bei Ulrich Teusch lernen wir, wie schwierig das alles ist. Er hilft uns, diese Welt auszuhalten.

Er hilft auch mir persönlich, dem Journalisten. Kürzlich haben mich Journalistenschüler gefragt, ob mein Beruf meinen Charakter verändert habe. Ja, sagte ich, dieser Beruf hat meinen Charakter verändert: Ich bin überaus misstrauisch geworden. Ich vermute überall Inszenierungen, Verdunkelungen, Lügen. Ich fahnde bei jedem Satz eines Politikers nach dem Hintersinn, der wahren Absicht.

Dann wurde es bitter: Die Journalistenschüler erwiesen sich als guter Nachwuchs, indem sie mich listig fragten, ob ich das von meinem Privatleben fernhalten könne. Ich musste schlucken, ich war, ehrlich gesagt, versucht, zu lügen. Nein, wollte ich sagen, mein Misstrauen ist auf die Politik beschränkt. Aber so ist es nicht. Ich muss zugeben und habe das auch gegenüber den Journalistenschülern getan, dass mich mein Beruf insgesamt misstrauischer gemacht hat. Mir ist das manchmal unangenehm. Aber so ist das, wenn man in einer Welt lebt, in der die Worte selten ohne Hintersinn daherkommen, die Welt der Politik.

Trost finde ich bei Ulrich Teusch. Er verdammt politische Lügen nicht generell. Aber er sieht eine Aufgabe der Medien darin, diese Lügen aufzudecken. Die Wahrheit muss auf den Tisch. Das ist eine der edelsten Aufgaben des Journalismus. Misstrauen muss dann leider sein.

Meine Laudatio möchte ich mit dem Schluss von Teuschs Feature beenden, zwei sehr guten, sehr wichtigen Sätzen:

„Mündig sind Bürger nicht dann, wenn sie irgendeiner Politik zustimmen. Mündig sind sie, wenn sie sich von keiner täuschen lassen.“

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.