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Pressemeldungen

Pressemeldung: Das zweite Arbeitsleben

Berlin, 26.03.2007

Das zweite Arbeitsleben

von Manfred Pohl

Das 21. Jahrhundert stellt uns nicht nur mit der Globalisierung vor große Herausforderungen, auch die demographische Entwicklung unserer Gesellschaft erfordert neue Denkweisen. Den Kommunen und den Regionen (z. B. Frankfurt und die Region Rhein-Main) erwächst schrittweise durch die Auflösung des Nationalstaats und durch den verstärkten Einfluss supranationaler Gebilde wie der EU eine immer wichtigere Rolle für die Integration und Identitätsfindung der Menschen und damit für die Vermeidung von Verteilungskonflikten. Diese sind aufgrund der weltweiten Alterung der Gesellschaft zu befürchten. Aber ob es dazu kommt, ist eine Frage der Gestaltung der Zukunft.

Wie muss sich also die Gesellschaft strukturieren, um „Verteilungsstress“ zu vermeiden? Die Konzentration gilt hier nicht nur der ökonomischen Debatte, sondern den Problemen der Integration von Menschen mit Migrationshintergrund und der Rolle, die den älteren Menschen in unserer Gesellschaft zukommen soll.

Das Hauptproblem der demographischen Entwicklung ist das Problem des Zusammenlebens. Es müssen daher Strukturen gefunden werden, die das Zusammenleben auf einer gesunden finanziellen Basis gepaart mit Gemeinsinn ermöglichen, ohne dass es zum Verteilungskampf kommt. Gerade hier sind die kleinen Einheiten von Kommune und Region gefordert.

Ich schlage deshalb vor, die Kommune in Quartiers aufzuteilen, wobei das Quartier nicht die Zahl von 10 000 Bürgern oder eine bestimmte Flächengröße überschreiten darf. Jedes Quartier hat eine eigene Verwaltung, die die Bereiche Kindergarten, Grundschule, Integration ausländischer Mitbürger, Kultur und Religion, Betreuung von kranken, alten und hilflosen Menschen und die Quartiergestaltung arrangiert.

Eine Verbesserung unserer Zukunftschancen ist nur zu erreichen, wenn diese grundlegende Veränderung in der Struktur der Kommune erfolgt und wenn die Menschen bereit sind, für das Zusammenleben Opfer zu bringen. Jeder kann sich gemeinnützig für die Kommune engagieren, und der Wunsch nach solchem Engagement wird sich gerade bei den Älteren verstärken. Denn je älter die Menschen werden und je gesünder sie bleiben, umso mehr werden sie auch nach dem Austritt aus dem Arbeitsleben am Alltagsprozess teilnehmen wollen. Diese Integration ins Alltagsleben bietet enorme Chancen für die gesamte Gesellschaft.

Daher schlage ich vor, dass nach dem „ersten Arbeitsleben“, ob dieses nun mit 60 oder 67 Jahren beendet wird, das „zweite Arbeitsleben“ folgt, das bei einer zukünftigen Lebenserwartung von mindestens 100 Jahren aus einem vielfältigen Angebot von Aktivitäten bestehen wird.

In den Quartiers setzt nun dieses „zweite Arbeitsleben“ an: In jedem Quartier wird es immer mehr ältere Menschen geben, die bereit sind, ein „zweites Arbeitsleben“ mit sozialen, humanitären, kulturellen oder sonstigen Aufgaben zu gestalten. Diese Menschen können dazu beitragen, die finanzielle Situation der Quartiers und der Kommune zu entlasten und die Städte lebenswerter zu machen, indem sie nicht nur kulturelle Projekte zur Förderung von Integration und Miteinander organisieren oder die Betreuung in Ganztagskindergärten übernehmen, sondern beispielsweise auch in Schiedsgerichten tätig werden.

Hier ergibt sich der Einwand, die Menschen im „zweiten Arbeitsleben“ nähmen ihnen im „ersten Arbeitsleben“ die Arbeitsplätze weg. Aber genau das halte ich für falsch, da die Älteren dort eingesetzt werden, wo bereits heute aus finanziellen Gründen keine Arbeitskräfte eingesetzt werden können. Zweitens werden die Menschen im „zweiten Arbeitsleben“ in den Regionen eine Identität schaffen, die in der Zukunft eine wesentliche Voraussetzung zum Erhalt und zur Schaffung neuer Arbeitsplätze sein wird. Denn in einer Region, die keine lebenswerte Zukunft anbietet, werden sich weder Arbeitgeber noch Arbeitnehmer niederlassen.

Ferner ist auch durch die klare Durchstrukturierung der Quartiers mit Einwohnermeldeamt, Kindergärten, Einrichtungen für die Altersversorgung und Sauberkeit, sowie mit kulturellem Engagement der Menschen im „zweiten Arbeitsleben“ eine Grundsituation geschaffen, die Sicherheit, Wohlbefinden und ein sinnstiftendes Dasein ermöglicht.

So könnte die flächendeckende Einrichtung von Kindergärten, in die alle Kinder ab zwei Jahren Zugang haben, Toleranz fördern, wenn hier die deutsche Sprache gelehrt, aber auch über Kulturen und Religionen geredet wird. Die Identifikation mit der Kommune, der Region, dem Nationalstaat beginnt im Kindergarten, wo Kinder aller Schichten, Kulturen und Religionen zusammenkommen. Hier wird die Basis für einen gewaltfreien Übergang zu einer Gesellschaft mit einer Mehrheit von Menschen mit Migrationshintergrund gelegt. Denn spätestens ab 2050 werden in den Kernländern Europas und den USA die „Weißen“ nur noch eine Minderheit sein.

Insbesondere bei der für unsere Gesellschaft enorm wichtigen Auflösung von Parallelgesellschaften und der Integration von Menschen mit Migrationshintergrund finden sich solche sinnstiftenden Tätigkeiten; man denke nur etwa an den Sprachunterricht für ausländische Kinder.

Natürlich wird auch im „zweiten Arbeitsleben“ die finanzielle Vergütung eine wichtige Rolle spielen Diese Honorierung sollte andere Formen haben als die im „ersten Arbeitsleben“. So sind keine kontinuierlichen Zahlungen angedacht, sondern eine dem ideellen Sinn des „zweiten Arbeitslebens“ angepasste, längerfristig angelegte Vergütung in Form von Fonds oder Zertifikaten. So könnte etwa aus solchen Fonds, in die Beiträge aus dem „zweiten Arbeitsleben“ eingezahlt werden, der vierte Lebensabschnitt, also vom 80. Lebensjahr bis zum Lebensende, mitfinanziert werden; quasi als Zusatzrente zu Ansprüchen aus dem „ersten Arbeitsleben“ und privater Rentenvorsorge.

Natürlich wird es auch Menschen geben, die sich dem „zweiten Arbeitsleben“ entziehen. Aber die meisten Rentner werden aufgrund ihrer hohen Alterserwartung nicht die nächsten 40 Jahre spazieren gehen oder mit Fernsehshows, wie „Deutschland sucht den Superstar“, den Tag verbringen wollen. Sinnstiftung finden diese Menschen im „zweiten Arbeitsleben“. Das Engagement im Quartier wird Gemeinsinn und Gemeinschaft schaffen. Eine Austragung künftiger Verteilungskonflikte wird so unwahrscheinlich.

Quelle: Frankfurter Neue Presse, 21. März 2007