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September 2017, von Oswald Metzger

Oswald Metzger

Draghi auf Greenspans gefährlichen Pfaden

Mario Draghi stilisiert sich als Retter des Euro. Bei der Nobelpreisträgertagung in Lindau nannte er die unkonventionelle Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) einen „vollen Erfolg“. Sein Eigenlob ist ein Seitenhieb an die Adresse des Bundesverfassungsge-richts, das Mitte August deutliche Vorbehalte gegen die Staatsanleihenkäufe der EZB for-muliert und in dieser Frage den Europäischen Gerichtshof (EuGH) eingeschaltet hat.

Nach Draghis Auftritt am Bodensee war kaum zu erwarten, dass beim Notenbank-Treffen im amerikanischen Jackson Hole deutliche Signale in Richtung Ausstieg aus der ultralocke-ren Geldpolitik zu hören sind – jedenfalls nicht von ihm. Womöglich verlangsamt selbst die US-Notenbank (Fed) ihren Zinserhöhungspfad, weil die chaotische Trump-Administration und die jüngsten US-Konjunkturdaten zur Vorsicht mahnen.

Dabei sind die Risiken einer ultralockeren Geldpolitik nicht nur theoretischer Natur. Sie waren der Auslöser der Immobilienpreiskrise, die - ausgehend vom kollabierenden US-Häusermarkt - vor neun Jahren Schockwellen in die globalen Finanzmärkte sandte. Dafür stand der langjährige Fed-Chef Alan Greenspan, lange verehrt, aber schlussendlich mit seiner Niedrigzinspolitik verantwortlich für eine Vermögenspreisblase ungeahnten Aus-maßes. Dass die US-Finanzindustrie mit einer geschickten „Verpackungsstrategie“ wertlose Immobilienpakete schnürte und sie an gierige Banken rund um den Globus hochpreisig verscherbelte, erhöhte das Infektionsrisiko bekanntlich dramatisch. In Deutschland führ-ten die Folgen im Jahr 2009 zur bisher schärfsten Rezession.

Wer den Zins als Risikoprämie abschafft, erntet gewaltige Nebenwirkungen. Die Vermö-genspreise – Aktien und Immobilien – haussieren. Die Finanzmärkte hängen wie Junkies an der Nadel der Notenbanken. Die Werthaltigkeit von Vermögensanlagen steht weniger im Fokus als die supergünstigen Finanzierungsbedingungen. Es wird allenthalben wieder Schrott gekauft, weil hohe Renditen dazu verführen. Klassische Sparanlagen versprechen ja keine Rendite mehr – trotz relativ niedriger Inflation. Also treiben die Notenbanken die Märkte in spekulative Anlagen, die Verbraucher in den Konsum. Dabei verlangte die De-mografie solides Vorsorgesparen.

Auch die Politik wird ins Risiko getrieben. Im Monatsbericht der Bundesbank vom Juli 2017 ist akribisch aufgelistet, wie hoch die Zinsausgabenersparnisse der Euro-Länder we-gen der Nullzinspolitik im Vergleich der Jahre 2007 (Vorkrisenjahr) und 2016 ausfallen. Obwohl (bis auf Malta) alle anderen 18 Euro-Länder ihre Staatsschulden in diesen neun Jahren massiv ausgeweitet haben, sanken die kumulierten Zinsausgaben um fast 1 Billion Euro, wenn man die damaligen Refinanzierungskosten mit den aktuellen vergleicht. Allein für Deutschland errechnet die Bundesbank eine gesamtstaatliche Zinsersparnis von knapp 250 Milliarden Euro in neun Jahren. Ohne diesen Effekt wäre Wolfgang Schäuble nicht Herr der schwarzen Null. Die dramatischste Konsequenz dieser Wind-Fall-Profite: Die Poli-tik verzichtet europaweit auf eine Konsolidierung der Staatsbudgets. Doch die Zinswende kommt ebenso sicher wie die nächste Rezession. Die mangelnde Vorsorge wird sich bitter rächen.

Dieser Kommentar wurde auf Anregung des Konvent für Deutschland verfasst.
Er muss jedoch nicht zwingend die Position aller Konventkreismitglieder widerspiegeln.