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Dezember 2016, von Christine Scheel

Christine Scheel

Wenn Fakten keine Rolle mehr spielen

Oxford Dictionaries hat aktuell „post-truth“ zum internationalen Wort des Jahres erklärt. Ausgelöst durch die Ereignisse in Großbritannien, wo Führungskräfte wie Boris Johnson behaupteten, der Brexit würde in der Woche über 350 Millionen Pfund mehr für die britische staatliche Gesundheitskasse bringen. Er hat schlicht gelogen und ist dennoch heute Außenminister.

Unlängst im US-Wahlkampf: Donald Trump wurde in dieser Zeit eine große Zahl von Lügen nachgewiesen, aber seine Wählerschaft hat das nicht interessiert. Man reibt sich angesichts des Verhaltens vieler Menschen verwundert die Augen, wenn Lügen mehr „geliked“ werden als wahre Aussagen. Er hat so viel gelogen wie nie ein Kandidat zuvor – und ist wahrscheinlich gerade deswegen Präsident geworden.

Falschmeldungen verbreiten sich heute im Netz blitzschnell und bleiben meistens ohne Aufklärung. Das ist ein neues Phänomen im Zeitalter von Google, Facebook und Twitter. Algorithmen bestätigen krude Auffassungen und geben das Gefühl, dass alle anderen auch so denken. Wir leben in einer Zeit, in der die Wirkungskraft von Gefühlen leider oft unterschätzt wird. Neue Gefühle werden regelrecht kreiert, Angst, Wut und Enttäuschung damit gegenüber dem sogenannten Establishment geschürt.

So schrieb Adrian Daub in DIE ZEIT am 9.11.2016: “Billiges Entertainment, taumelndes Wir-Gefühl und eine geradezu mephistophelische Lust an der Zerstörung“ trieben Trumps Anhänger an. Kernelemente der Aufklärung wie das Streben nach Wahrheit und universelle Werte hätten dagegen ihre Bedeutung eingebüßt.

Vor 12 Jahren erschien das Buch von Ralph Keyes mit dem Titel „The Post-Truth Era“. Viele benutzen heute dafür den Begriff des postfaktischen Zeitalters. Das Phänomen ist jedoch nicht neu. So hat sich Hannah Arendt schon in den 50-er Jahren in ihrem Buch „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ mit Propaganda und deren Durchschlagskraft auf die Massen beschäftigt.

Es ist jedoch gefährlich, sich damit abzufinden und zu glauben, dass wir uns im postfaktischen Zeitalter befinden, weil wir dann, wie Evelyn Roll jüngst in der Süddeutschen Zeitung schrieb, unsere „Demokratie schon aufgegeben haben“ (SZ vom 19./20.11.2016).

Wie kann Demokratie bestehen, wenn Fakten für viele keine Rolle mehr spielen?

Festzustellen, dass das postfaktische Zeitalter begonnen hat und dann darüber nur hilflos den Kopf zu schütteln, ist unverantwortlich. Medien, Politik und die sich für die Demokratie stark machenden Kräfte in der Gesellschaft müssen gegensteuern. Es ist immens wichtig, eine Lüge auch Lüge zu nennen und dies nicht verharmlosend mit Populismus gleichzusetzen. Es kann nicht sein, dass diejenigen, die lügen und Tabus brechen, immer gleich breiten Raum für ihr Tun in den Talkshows erhalten, ohne dass ausreichend Zeit für die Fakten bleibt. Ebenso kann Rechtspopulismus nicht mit Rechtspopulismus bekämpft werden, weil dieser damit nur stark gemacht wird.

Hetze, Gerüchten und Lügen im Internet zu begegnen, ist so wichtig, wie schon immer der offene Widerspruch in realer Begegnung. Das darf nicht nur Wunschdenken bleiben, sondern ist eine politische Forderung. Die großen digitalen Meinungsplattformen müssen gezwungen werden, dass sie neutrale und kompetente Prüfungen von Inhalten vornehmen und digitale Mechanismen installieren, die Lügen öffentlich als solche kennzeichnen und Hetze löschen.

Dieser Kommentar wurde auf Anregung des Konvent für Deutschland verfasst.
Er muss jedoch nicht zwingend die Position aller Konventkreismitglieder widerspiegeln.