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November 2017, von Thomas Schmid

Aus dem Unterholz der Politik.
Ein Besuch in der schwäbischen Provinz

Eine Stadt im Schwäbischen, etwa 50.000 Einwohner. Ein Ring mittelständischer Betriebe legt sich um den Stadtkern: Die Wirtschaft floriert, das ist hier selbstverständlich. Wie es ebenso zum eigenartigen Charme dieser wohlständigen Region gehört, dass der Kern der Stadt seltsam kahl, entleert, schrundig anmutet. Viele Geschäfte haben aufgegeben, Häuser verkommen, Billig- und Asia-Läden herrschen vor.

An einem Novemberabend sitzen hier vier redelustige Männer zwischen 35 und 55 Jahren an ihrem Stammtisch, der nicht rund, sondern eckig ist. Es hält sich noch die Atmosphäre spezifisch schwäbischer Gemütlichkeit – Kachelofen, Troddellampe, viel dunkles Holz, diverse Haushaltsgeräte und Zinnsachen aus vergangener Zeit an der Wand und auf den Simsen. Aber man ist auch weltoffen und ein wenig hedonistisch mit der Zeit gegangen: Neben wertvollen württembergischen Weinen reihen sich an prominenter Stelle kostbare Flaschen italienischer und vor allem spanischer Weine. Bodenständigkeit und Lebensart. Auf der Speisekarte, die auf eine Tafel geschrieben steht: Geröstete Maultaschen, Esslinger Zwiebelbraten, aber auch ein vegetarisches Anstandsgericht. Es dauert nicht lange, bis klar wird, wer die Herren am Stammtisch nebenan sind: Repräsentanten der örtlichen CDU, Gemeinderatsmitglieder.

Der Stammtisch hat aber nichts Honoratiorenhaftes, auch wird hier keineswegs lautstark und in langen Wiederholungsschleifen Klage über die Verderbtheit der Welt und der Partei geführt. Obwohl mindestens ein Nostalgiker am Tisch sitzt, ergeht sich die Runde nicht in Nostalgie. Eher kann man sie als einen ziemlich munteren Debattierzirkel beschreiben. Einen politischen Debattierzirkel. In kühnen, behänden Zickzack-Sprüngen geht es querfeldein: von der Lokal- auf die Bundesrepublik und von dort zurück auf die Landes- und immer wieder die Lokalpolitik. Dieser Stammtisch ist eine Selbstverständigungs- und Selbstvergewisserungsgruppe.

Anregend fällt die Diskussion aus, weil sie von zwei Antipoden geprägt wird, die sich freilich gut verstehen. Ein Älterer verkörpert und verteidigt die CDU von gestern. Er wirkt gesetzt, trägt Jackett und blaue Krawatte, die Haare sind gescheitelt, der CDU-Sticker fehlt nicht. Unternehmertyp, gemäßigt zeitkonform. Er steht für die CDU, die das Land in Erbpacht hatte, die man zu Recht konservativ nennen konnte, die sich nicht scheute, provinziell, stur und altbacken aufzutreten. Eine CDU also, die noch zu Zeiten von Ministerpräsident Erwin Teufel ein wenig an die CDU der 50er-Jahre erinnerte. Der Jüngste in der Runde, der unangefochten den Wortführer gibt, vertritt dagegen die moderne, die biegsame, die anpassungsfähige CDU, die sich dem Wandel der Werte und Moden ausdrücklich nicht verweigern will. Schnell wird klar, dass er nicht nur schwäbische Luft geschnuppert hat, dass er die Welt – nicht zuletzt die Berliner Welt – ganz gut kennt. Schmal, hohe Geheimratsecken, ein Nerdbart und offenes Hemd, feine Züge und eine quirlige Redefreude: Er ist CDU, sieht aber nicht danach aus. Das mag seinen Erfolg erklären helfen.

Wenn der Ältere der CDU nachtrauert, die in Treue zur Atomkraft stand, erwidert der – nur etwas – Jüngere ein ums andere Mal forsch: „Jetzt ist aber jetzt.“ Spätestens seit Fukushima hat sich der Wind der öffentlichen Meinung endgültig gedreht: „Das kannst du gut finden oder schlecht – es ist aber so.“ Der Jüngere, stellvertretender Vorsitzender im Gemeinderat wie sich zeigt, trainiert die anderen in Realismus. Er will keine Don-Quichote-Partei. Natürlich kommt der Einwand, Fukushima beweise doch gar nichts, schließlich habe nicht das Atom, sondern der Tsunami das große Unheil angerichtet. Der gestandene Nicht-mehr-ganz-Jungpolitiker entgegnet ungerührt: „Ich kann nicht auf Dauer gegen das allgemeine Gefühl angehen, dass da mit der Atomkraft etwas nicht stimmt.“ Und es sieht ganz so aus, als meine er das nicht opportunistisch. Politik, sagt er, hat mit Menschen zu tun: „Und Menschen sind nun einmal nicht rational. So funktionieren sie nicht.“ Man könnte daraus den Schluss ziehen: In der Politik geht es nicht um planvolles Gestalten. Es geht vielmehr darum, auf dem Treibsand menschlicher Unberechenbarkeit einigermaßen haltbare Hütten zu errichten.

Gefühle seien Tatsachen, man könne sie nicht widerlegen. Ja, sagt er, die Überreaktion war falsch, trotzdem war die Ausstiegsentscheidung richtig: Ein Konfliktthema war weggeräumt, „jetzt muss man eben weitersehen“. Immer, wenn es an diesem Abend ums Anpassen an den großen Strom der Zeit geht, obsiegt der Neuerer. Den Anderen gehen bald die Argumente aus, weil sie im Grunde nur die schönen alten Zeiten der Übersichtlichkeit und der scharf konturierten christlich-demokratischen Gewissheiten beschwören. Apodiktisch sagt der Junge: „Die CDU der 70er-Jahre gibt es nicht mehr.“ Und doch: Auch die Teil-Nostalgiker haben hier ihren Platz, sie sind nicht nur geduldet. Es geht ziemlich liberal zu.

Irgendwann kommt der voluminöse Wirt an den Tisch, mit seinem weißen Bart sieht er fast wie ein pensionierter Biker aus. Er nimmt bei der Politikerrunde Platz und setzt ihr – nicht mehr ganz nüchtern – heftig zu. Wütend klagt er über die fliegenden Händler, die die Innenstadt verunstalteten. Während die ganze Runde den indisch-stämmigen Koch, der nach Hause geht, herzlich verabschiedet, polemisiert der Wirt gegen den Mindestlohn, der ihm das Geschäft verderbe. Der junge Politiker fühlt sich nicht in die Enge getrieben. Er sagt: „Jammern ist das Grußwort des Kaufmanns.“ Und als der Wirt die Rede schon wieder auf die fliegenden Händler lenkt, versucht der stellvertretende Fraktionsvorsitzende gar nicht, die Ohnmacht des Gemeinderats in Macht umzudeuten. Er erwidert einfach: „Hast du eine Lösung?“ Womit der Realist dem brummigen Wirt deutlich eine Lektion erteilt: Politik ist weder allmächtig noch allzuständig, es gibt Dinge, die sie nicht regeln kann.

Besonders hoch geht es her, wenn die Rede auf Jamaika kommt. Keiner hat Einwände gegen das ungewohnte Bündnis, alle halten es für gerade zwingend, das Ob ist für sie kein Thema mehr. Kein Zufall: Im hiesigen Gemeinderat käme eine Jamaika-Koalition auf 59,7 Prozent – im Bund überspringt sie mit 52,5 Prozent gerade so die 50-Prozent-Hürde. Selbst die beiden, die ein wenig zur CDU-Nostalgie neigen, finden die Jamaika-Sache interessant. Alle wirken von der Idee ein wenig beschwingt. Einer findet eine gute Formel dafür: „Die große Koalition hat immer nach dem Prinzip funktioniert: Gib du mir etwas, dann geb’ ich dir etwas. Das kann bei Jamaika einfach nicht funktionieren. Die müssen sich etwas Neues einfallen lassen.“ Die FDP akzeptiert man hier am Tisch, äugt aber argwöhnisch auf sie: „Ich hab’ begrenzte Achtung vor ihr.“ Mit den Grünen hat man sich längst widerwillig abgefunden: Oft nerven sie, aber sie gehören dazu. Einer sagt: „Wie der Kretschmann mit Klima und Auto angeht – da können wir nur noch glotzen.“ Und der stellvertretende Fraktionsführer freut sich schon jetzt auf einen Außenminister Özdemir: „Der und der Erdogan, das wird lustig – und könnte was werden.“ Alle sind sich einig: Die CDU kann jetzt nicht machen, was sie will. Sie ist eingehegt. Und damit scheinen sie alle, denen doch an der möglichst kräftigen CDU gelegen ist, gut leben zu können.

Irgendwann, der Weinpegel ist gestiegen, stoßen sie mit einem vom Wirt spendierten Schnaps an: „Auf die Schwarzen!“ Das ist ernst und ironisch gemeint. Irgendwie wärmt die Erinnerung an die konservativen Zeiten immer noch ein wenig. Alle aber wissen auch, dass die pfaffenschwarze Ära vorbei ist. Sie scheinen nicht unfroh darüber zu sein. Dieser Stammtisch ist der Maschinenraum der Politik. Oder das Unterholz. Weil einer der Vier auch auf dem Berliner Parkett Erfahrung hat, reden sie kundig über die aktuellen Berliner Akteure: Dobrindt, Özdemir, Lindner, Altmeier. Es ist, als säßen diese alle mit am Tisch. Manchmal reden sich die Vier so in Rage, dass man den Eindruck bekommt, die Berliner Verhandlungsführer hingen an unsichtbaren Fäden, die hier und anderswo in der fernen Provinz gezogen werden. Dann aber wirken die Vier auch wieder wie Zaungäste, die mit ironischer Distanz ein Geschehen in Berlin verfolgen, das sie auch nicht allzu ernst nehmen: Deutschland wird hier, in der Provinz, gemacht. Und daran kommt niemand vorbei.

Es ist spät, als die Runde aufbricht. Von Angela Merkel war kaum die Rede.

Dieser Kommentar wurde auf Anregung des Konvent für Deutschland verfasst.
Er muss jedoch nicht zwingend die Position aller Konventkreismitglieder widerspiegeln.