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November 2014, von Peter Schneider, Geschäftsführer usedSoft International AG

Die schöne neue digitale Welt: Nüchtern bleiben!

Die digitale Revolution fegt wie ein Wirbelsturm durch unsere Volkswirtschaften. Branchen werden umgepflügt – vom stationären Einzelhandel bis zum Taxigewerbe. Kürzlich noch Weltmarktführer in der Produktion von Mobiltelefonen, verschwindet die Marke Nokia in diesen Tagen komplett. Die großen Musikverlage haben sich längst Apple als größtem globalen Musiklieferanten geschlagen geben müssen. Die Autobauer, gerade auch die deutschen, müssen sich künftig womöglich mit dem Internetgiganten Google beim Thema selbstfahrendes Auto messen. In der Haustechnik ist Google bereits heute ernstzunehmender Konkurrent der deutschen Elektroindustrie. In der digitalisierten Produktion sorgt eine allumfassende Sensorik für eine technische Effizienz wie nie – von der automatisierten Wartung bis zur Warendistribution. Ersetzen 3-D-Drucker künftig die Manpower im Maschinen- und Fahrzeugbau, einem Sektor, in dem heute noch Millionen gut bezahlter Facharbeiter ihr Geld verdienen? Die Macht des Big Data macht uns Konsumenten so transparent wie nie. Die Amazons und Googles dieser Welt wissen mit ihren ausgetüftelten Algorithmen vor uns selbst, was wir gerne konsumieren wollen.

Eine solche Umwälzung weckt Ängste, keine Frage. Doch dass Innovationen in der Menschheitsgeschichte immer ein Wohlstandstreiber waren, ist unstrittig. Kluge und gut ausgebildete Köpfe, mutige und risikofreudige Unternehmer, eine gut ausgebaute Infrastruktur: das waren doch die entscheidenden Wettbewerbsvorteile des Standorts Deutschland. Diesen gewohnten Vorsprung müssen wir beim Ausbau der digitalen Infrastruktur aber erst noch erringen. Da haben wir Nachholbedarf – nicht nur bei der Qualität einer flächendeckenden leistungsfähigen Netzinfrastruktur.

Wir haben auch bei den gesetzlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen Nachholbedarf. Denn die Überbetonung der Risiken der digitalen Revolution, die manchmal fast paranoide Angst vor Big Data, wirkt zunehmend als Innovationsbremse. Doch ohne Innovation kein wirtschaftlicher Fortschritt und damit auch kein Wohlstand. Dass die Bundeskanzlerin auf dem IT-Gipfel in Hamburg vor wenigen Tagen nachdrücklich auf die Chancen von Big Data hinwies, ist ein Lichtblick. Denn in der Auswertung und Nutzung großer Datenmengen liegen auch für die starke deutsche Volkswirtschaft enorme Zukunftsressourcen. Dieses Geschäft sollten wir nicht den Amerikanern und Asiaten allein überlassen.

Trotz aller Euphorie über die enormen wirtschaftlichen Potentiale der Digitalisierung rate ich aber auch zur nüchternen Analyse. Wer erinnert sich noch, als vor gut einer Generation namhafte Ökonomen das hohe Lied von der Dienstleistungswirtschaft sangen? De-Industrialisierung war angesagt, nicht nur bei den gerade neu gegründeten Grünen. Doch Deutschland blieb trotz der verbreiteten Sirenenklänge seiner Schlüsselkompetenz treu: der Produktion hochwertiger Güter auf der Grundlage technischen Know-hows und einer konsequenten Innovations- und Marktorientierung. Großbritannien und selbst die USA hingegen folgten dem Trend zur Dienstleistung und mussten dafür bitter bezahlen.

Die Lehre daraus liegt auf der Hand. So sehr wir auch die digitale Infrastruktur ausbauen müssen, wir dürfen darüber nicht unsere „klassische“ Infrastruktur vergessen: Straßen- und Schienennetze, Wasserwege und Häfen, Flughäfen und intermodale Logistikknotenpunkte. Diese sind und bleiben die Adern, durch die unsere Volkswirtschaft pulsiert. Denn auch die digitale Revolution setzt die Prinzipien wirtschaftlichen Handelns nicht außer Kraft.

Dieser Kommentar wurde auf Anregung des Konvent für Deutschland verfasst.
Er muss jedoch nicht zwingend die Position aller Konventkreismitglieder widerspiegeln.